Programm 4. Fachtag
„Antisemitismus in den sozialen Medien: Die Netz(un)kultur des Hasses“
Online-Vortrag von Prof. Dr. Dr. h.c. Monika Schwarz-Friesel (TU Berlin) mit anschließendem Gespräch
Über den Vortrag
Weltweit nimmt die öffentliche Verbreitung von Antisemitismen über das Web 2.0 seit Jahren kontinuierlich zu, und judenfeindliche Äußerungen sind nahezu überall im Online-Alltagsdiskurs der sozialen Medien anzutreffen. Nach dem Pogrom des 7.10.23 kam es zu einem Dammbruch: Eruptionen des Hasses fluten seitdem das Netz. Dabei zeigt sich, wie uralte judenfeindliche Stereotype sich mit aktuellen Konzeptualisierungen verbinden. Die Quintessenz des Antisemitismus ist unabhängig von politischen, sozialen und ideologischen Faktoren das anti-judaistische Ressentiment, das auf der Wahnvorstellung fußt, Juden seien das Übel in der Welt.
Anhand zahlreicher Beispiele aus der Internet-Kommunikation wird erörtert, wie sich zwar oberflächlich Formen und kommunikative Prozesse im digitalen Zeitalter verändern, das anti-judaistische Ressentiment jedoch weiterhin die Grundlage ist. Über Sprachgebrauchsmuster der Hassrede werden judenfeindliche Stereotype ständig reproduziert und so bleibt der kulturelle Denk- und Gefühlswert Judenhass im kollektiven Bewusstsein.
Autorinnen-Information:
Prof. Dr. Dr. h.c. Monika Schwarz-Friesel ist Antisemitismusforscherin und Kognitionswissenschaftlerin an der TU Berlin, wo sie den Lehrstuhl für Linguistik am Institut für Sprache und Kommunikation innehat.
Buchpublikationen: unter anderem „aktueller Antisemitismus“, „aktueller gebildeter Antisemitismus“ (2010), „Antisemitismus 2025“, „Judenhass im Internet“ (2019), „Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“ (mit Jehuda Reinharz, 2013, englische Ausgabe 2017). Neueste Buchpublikation: „Toxische Sprache und geistige Gewalt“ (2025: zweite Auflage).
Von 2004 bis 2010 leitete sie das Projekt „Aktueller Antisemitismus“, von 2014 bis 2020 das von der DFG geförderte Pilot-Projekt „Antisemitismen im World Wide Web“, von 2022 bis 2025 „Re-Traumatisierung und Antisemitismuserfahrung in der dritten Generation deutscher Juden“. Sie ist unter anderem im wissenschaftlichen Beirat von „StopAntisemitismus.de“ der ZEIT-Stiftung, dem „Journal of Contemporary Antisemitism“ (UK), und Kuratoriumsvorsitzende der Rabbiner-Leo-Trepp-Stiftung.
10:15–10:30 Uhr: Kaffeepause
1. Workshop: Antisemitismus im Kontext Schule – Herausforderungen und Umgangsstrategien
Alexander Vasmer, Kompetenzzentrum für antisemitismuskritische Bildung und Forschung, Zentrale Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.
Die Diskussion um Antisemitismus an Schulen steht meistens im Zusammenhang mit medial geführten Debatten um einzelne schulische Vorfälle. Dabei werden vor allem Schüler:innen in den Fokus gerückt. Allerdings sind auch Lehrende an der Reproduktion von Antisemitismus beteiligt. Die Bandbreite der von Betroffenen wie auch von Lehrkräften geschilderten antisemitischen Dispositionen reichen von Andeutungen, Zuschreibungen, (verbalen) Übergriffen bis hin zu psychischer und physischer Gewalt, Benachteiligung, Diskriminierung und institutionellem Antisemitismus. Lehrkräfte sind daher gefordert, auf die gewaltförmige Struktur des Antisemitismus zu reagieren und wirksam zu handeln.
Der Workshop bietet Lehrkräften und weiteren schulnahen Akteur:innen die Möglichkeit, das eigene Verhältnis zu Antisemitismus zu reflektieren und einen Umgang mit Antisemitismus an der Schule zu diskutieren. Die Teilnehmenden werden in die Grundprinzipen antisemitismuskritischer Bildung eingeführt und entwickeln auf dieser Basis ihre pädagogischen Strategien und Interventionen in einem vertrauensvollen Austauschraum weiter. Die Teilnehmenden sind eingeladen, Beispiele aus der eigenen pädagogischen Praxis einzubringen.
2. Workshop: RESPOND! - Nein zu Judenhass im Netz
Jannis Niedick, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt RESPOND! NEIN zu Judenhass im Netz!
Antisemitismus zeigt sich in sozialen Medien oft in subtilen, sich stetig wandelnden Formen, die sich geschickt an die Logiken digitaler Plattformen anpassen – eine besondere Herausforderung für junge Menschen und pädagogische Fachkräfte. Das RESPOND!-Training wurde entwickelt, um Jugendliche in ihrer Wahrnehmung und Handlungskompetenz im Umgang mit antisemitischen Inhalten im Netz zu stärken.
Im Rahmen dieses Workshops erhalten pädagogische Fachkräfte einen praxisnahen Einblick in das RESPOND!-Training und die zugrunde liegenden wissenschaftlichen Ergebnisse. Anhand interaktiver Methoden und Übungen werden zwei zentrale Ziele verfolgt: Die Teilnehmenden entwickeln ein kritisches Bewusstsein für aktuelle Erscheinungsformen antisemitischer Hassrede im digitalen Raum und lernen anhand konkreter Beispiele wie antisemitische Narrative, Mythen und Verschwörungserzählungen dekonstruiert werden können.
Der Workshop bietet darüber hinaus Raum für Austausch und Reflexion, wie das Thema wirksam im Unterricht und schulischen Kontext bearbeitet werden kann. Eigene Beispiele und Erfahrungen aus der pädagogischen Praxis sind ausdrücklich willkommen.
3. Workshop: Antisemitismuskritische Bildung im Schulalltag
Dr. Marc Grimm und Jana Habig
Antisemitismus ist ein dauerhaftes Problem an Schulen – der 7. Oktober hat dies jedoch mit neuer Dringlichkeit sichtbar gemacht. Schule muss Antisemitismus daher nicht nur reaktiv und anlassbezogen, sondern dauerhaft und präventiv bearbeiten. In diesem Workshop möchten wir Zugänge zu einer antisemitismuskritischen Bildung vorstellen und Möglichkeiten aufzeigen, wie entsprechende Inhalte fächerübergreifend in den Unterricht integriert werden können. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Analyse antisemitischer Narrative im Schulalltag, in Jugendkulturen und auf sozialen Medien. Einführend geben wir einen Überblick über theoretische Grundlagen, didaktische Zugänge und Materialien, um darauf aufbauend gemeinsam Ansätze für die schulische Praxis und konkrete Herausforderungen der Teilnehmenden zu entwickeln.